Träumerei einer Ballerina

Ein Moment der damaligen Inszenierung: Vor dem Gemälde wurde die „Träumerei einer Ballerina“ durch Tanz und klassische Musik lebendig. Zum ersten Mal wurde die Idee sichtbar, die Jürgen und mich seit 1989 beschäftigt hatte.

Die Präsentation aus Sicht des Publikums. Für mich war dieser Abend einer jener seltenen Momente, in denen aus einer Idee plötzlich etwas Wirkliches wurde und Kunst, Musik und Tanz zu einem gemeinsamen Erlebnis verschmolzen.

Träumerei einer Ballerina

Manchmal beginnt eine große Geschichte mit einem ganz gewöhnlichen Morgen.

Anfang 1989 saß ich zu Hause bei meinem Kaffee und hörte Radio. In den Nachrichten wurde über den spektakulären Verkauf von Vincent van Goghs „Sonnenblumen“ gesprochen. Für eine Summe, die für mich damals kaum vorstellbar war.

Mein erster Gedanke war jedoch ein ganz anderer:

Was hat der Künstler eigentlich noch davon?

Van Gogh lebte längst nicht mehr. Zu seinen Lebzeiten hatte er kaum etwas von dem Reichtum und der Anerkennung erfahren, die seine Bilder später einmal erreichen sollten.

Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Nicht nur an diesem Morgen und nicht nur an diesem Tag. Er begleitete mich über Wochen.

Warum geschieht es so häufig, dass Kunst erst dann einen gewaltigen materiellen Wert erhält, wenn der Mensch, der sie geschaffen hat, längst nicht mehr lebt? Warum können Künstler zu Lebzeiten kämpfen, zweifeln und manchmal kaum von ihrer Arbeit leben, während ihre Werke Jahrzehnte später für ungeheure Summen gehandelt werden?

Aus diesen Gedanken entstand eine zunächst beinahe verrückt klingende Idee:

Wir wollten ein Kunstwerk schaffen, das provoziert.

Ein Werk, über das gesprochen werden musste.

Doch ein Ölbild allein genügte mir nicht. Ich wollte etwas schaffen, das verschiedene Formen der Kunst miteinander verbindet.

Zwei Menschen, ein Gemälde

Für dieses Vorhaben suchte ich zunächst einen Partner. Schließlich entstand die Zusammenarbeit mit Jürgen D., einem Hard- und Softwareentwickler, der meine Begeisterung für diese ungewöhnliche Idee teilte.

Gemeinsam begannen wir zu malen.

Doch selbst die Entstehung des Gemäldes sollte anders sein als gewöhnlich.

Mehrmals in der Woche wechselte die Leinwand ihren Standort. Mal stand sie bei Jürgen, mal bei mir. Derjenige, bei dem sich das Bild gerade befand, arbeitete nach seinem ganz normalen Arbeitstag daran weiter.

Mit all dem, was dieser Tag mitgebracht hatte.

Gedanken.

Freude.

Ärger.

Erschöpfung.

Hoffnung.

Zweifel.

Erlebnisse und Emotionen flossen unmittelbar in das Bild ein. Keiner von uns konnte vorhersehen, was der andere hinzufügen würde und wohin sich das Gemälde entwickeln würde.

Irgendwann war es fertig.

Es war kein gegenständliches oder fotografisch wirkendes Bild geworden. Es war abstrakt. Ein Gemälde, in dem zwei Menschen über einen längeren Zeitraum ihre ganz unterschiedlichen Tage, Gedanken und Empfindungen hinterlassen hatten.

Doch für uns war das erst der Anfang.

Dann kam die Musik

Aus der Kunstgeschichte kannten wir die Verbindung zwischen Bild und Musik. Musik konnte die Wirkung eines Kunstwerkes verstärken, einen Raum verändern und beim Betrachter Gefühle entstehen lassen, die ein Bild allein vielleicht nicht hervorrief.

Also sollte unser Gemälde eine eigene Musik bekommen.

Das damals in Oldenburg ansässige Musikstudio Madhouse griff die Idee auf. Carsten W. komponierte ein klassisches Musikstück mit demselben Titel:

„Träumerei einer Ballerina“

Es entstand Musik für ein ganzes Orchester.

Und wieder geschah etwas, womit wir nicht gerechnet hatten.

Aus dem Bild wurde Bewegung

Der Oldenburger Choreograf Kurt Steigerwald hörte von unserem Projekt. Er leitete gemeinsam mit seiner Frau eine Ballettschule und begeisterte sich für die Idee.

Er fragte eine seiner besten Ballerinen, ob sie Teil dieses ungewöhnlichen Projektes werden wollte.

Sie wollte.

Damit bekam die „Träumerei einer Ballerina“ eine weitere Dimension.

Aus einem Gemälde war zunächst Musik geworden. Nun kam der Tanz hinzu.

Zu der Musik entstand eine eigene Choreografie, ein kleines Ballettstück, das die Geschichte und die Gefühle des Gemäldes in Bewegung übersetzte.

Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg 

Malerei, Musik und Tanz waren plötzlich miteinander verbunden.

Und dann verselbstständigte sich die Idee

Noch bevor das Projekt richtig öffentlich geworden war, sprach es sich herum.

Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen hörten davon und wollten helfen. Viele von ihnen unentgeltlich.

Aus wenigen Beteiligten wurden immer mehr.

Es entstanden Ideen für Produkte rund um die „Träumerei einer Ballerina“. Bettwäsche, Handtücher, Tassen, Ballettschuhe, Griffelmappen und zahlreiche weitere Dinge wurden entworfen oder angedacht.

Was ursprünglich als künstlerische Provokation begonnen hatte, entwickelte plötzlich eine ungeahnte Eigendynamik.

Dann wurde die Presse aufmerksam.

Zeitungen berichteten darüber.

Radiostationen griffen die Geschichte auf.

Schließlich meldete sich RTL, damals noch aus Luxemburg.

Für uns war diese Entwicklung kaum zu begreifen.

Aus einem Gedanken beim morgendlichen Kaffee war innerhalb kurzer Zeit ein Projekt geworden, über das weit über Oldenburg hinaus gesprochen wurde.

Plötzlich standen wir selbst im Mittelpunkt

Jürgen und ich hatten mit dieser Aufmerksamkeit nicht gerechnet.

Wir waren keine Menschen, die ein solches Medieninteresse gewohnt waren. Wir hatten Lampenfieber. Und irgendwann auch Angst vor dem, was wir da eigentlich ausgelöst hatten.

Was würde passieren, wenn tatsächlich jemand das Gemälde kaufen wollte?

Was würde eine solche Entwicklung mit unserem eigenen Leben machen?

Mit unseren Familien?

Zeitweise waren zwanzig bis dreißig Menschen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen ehrenamtlich an Ideen rund um das Projekt beteiligt.

Die „Träumerei einer Ballerina“ wurde immer größer.

Vielleicht zu groß.

Denn irgendwann geschah etwas, das wir nicht mehr kontrollieren konnten. Menschen gaben Interviews über das Projekt, obwohl sie den ursprünglichen Gedanken dahinter teilweise gar nicht kannten.

Die Geschichte begann sich von ihrer eigentlichen Botschaft zu entfernen.

Und genau dort zogen Jürgen und ich die Grenze.

Wir beschlossen, keine weiteren Interviews mehr zu geben.

Das Gemälde verschwand aus der Öffentlichkeit.

Worum es uns wirklich ging

Wir wollten niemals einfach nur ein möglichst teures Bild erschaffen.

Wir wollten provozieren.

Wir wollten eine Frage stellen.

Was ist die Arbeit eines Künstlers eigentlich wert, solange der Künstler noch lebt?

Hinter jedem Gemälde steht ein Mensch.

Ein Mensch mit Gedanken, Zweifeln, Hoffnungen und einer inneren Vorstellung, die zunächst nur in seinem Kopf existiert.

Viele Künstler sind nicht reich geboren. Trotzdem werden sie von etwas angetrieben, das sich nur schwer erklären lässt. Sie müssen das, was in ihnen entsteht, nach außen bringen.

Aus einem Gedanken wird eine Skizze.

Aus einer Vorstellung wird Farbe.

Aus einer Emotion wird eine Leinwand.

Und manchmal entsteht daraus Kunst, deren Wert erst viel später erkannt wird.

Genau darüber wollten wir sprechen.

Nicht über einen Preis.

Sondern über den Wert des Menschen hinter dem Kunstwerk.

Die „Träumerei einer Ballerina“ wurde schließlich weit über unsere Heimat hinaus bekannt. Doch irgendwann entschieden wir uns bewusst dafür, das Gemälde der Öffentlichkeit zu entziehen.

Bis heute befindet sich das Original unter Verschluss.

Vielleicht bleibt es dort noch lange.

Denn für mich endet die Geschichte der „Träumerei einer Ballerina“ erst an dem Tag, an dem wir gelernt haben, nicht nur den Wert eines Kunstwerkes zu erkennen, sondern auch den Wert des Menschen, der es erschaffen hat.

 

 

Aktuelle Arbeiten

Heute arbeite ich vor allem abstrakt. Mich interessieren Strukturen, Bewegung, Farbe und die Spuren, die beim Arbeiten auf der Fläche entstehen. Manche Bilder entwickeln sich langsam, andere fast spontan. Entscheidend ist für mich, dass jedes Werk seine eigene Stimmung und Handschrift bekommt.

Tanz der Glut · ca. 2015

Elementar · Impasto-Gemälde · 2005

Sonnenuntergang am Meer · 2018

L´Eden Abstrait (Das abstrakte Eden), 2020

Kunst, die ihren eigenen Weg geht

Meine Bilder entstehen aus Stimmungen, Erinnerungen, Farben und dem Wunsch, etwas sichtbar zu machen, das sich nicht immer in Worte fassen lässt. Manche Werke sind ruhig, andere kraftvoll und bewegt. Doch jedes von ihnen trägt einen Teil meines eigenen Weges in sich.