AHOI ihr Leichtmatrosen 🫡 Willkommen im Logbuch der Klappmöwe. Hier landen all jene Berichte, bei denen Käpt’n Wattrutscher selbst nicht mehr ganz sicher weiß, was tatsächlich passiert ist und was der Seegang daraus gemacht hat. Geschichten aus Fedderwardersiel, von der Nordsee und von Abenteuern, die vermutlich größer geworden sind, je öfter der Käpt’n sie erzählt hat.
Der Tag, an dem die Klappmöwe beinahe Kapitän wurde
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Logbuch Eintrag 0471
Es gibt Tage, da sollte ein vernünftiger Seemann einfach im Bett bleiben.
Und dann gibt es Tage, da weiß man morgens noch nicht, dass das eigene Schiff bereits beschlossen hat, die Macht zu übernehmen.
So einen Tag hatte ich.
Es war früh im Hafen von Fedderwardersiel. Der Wind kam schräg vom Wasser, die Möwen veranstalteten über den Fischkuttern ihre übliche Morgenkonferenz und ich ging mit einer dampfenden Tasse Kaffee hinunter zu meiner Klappmöwe.
Schon von Weitem sah ich, dass etwas nicht stimmte.
Sie lag schief.
Nicht ein bisschen schief, wie ein Schiff eben manchmal liegt. Nein. Sie lag da wie ein alter Seemann nach drei Tagen Hafenfest.
Ich stellte meinen Kaffee ab, stemmte die Hände in die Hüften und sagte:
„Klappmöwe, wat is denn mit di los?“
Keine Antwort.
Das ist bei Schiffen zunächst nichts Ungewöhnliches.
Doch dann bewegte sich das Ruder.
Von allein.
Nur ein kleines Stück.
Nach Steuerbord.
Ich sah nach links.
Ich sah nach rechts.
Keiner da.
„Hör mal“, sagte ich, „wenn du jetzt anfängst, eigene Entscheidungen zu treffen, müssen wir über die Rangordnung an Bord sprechen.“
Das Ruder bewegte sich noch einmal.
Diesmal deutlicher.
Da wusste ich Bescheid.
Meuterei.
Ich sprang an Bord, zog meine Kapitänsmütze etwas tiefer und stellte mich breitbeinig ans Steuer.
„Hier hat immer noch einer das Kommando!“
In diesem Moment sprang der Motor an.
Von allein.
Nun muss man wissen, dass der Motor der Klappmöwe normalerweise etwa so freiwillig anspringt wie ich morgens vor dem ersten Kaffee.
Aber an diesem Tag brummte er sofort los.
Die Leinen spannten sich.
Der Bug drehte sich.
Und ehe ich auch nur „Fedderwardersiel“ sagen konnte, wollte meine Klappmöwe den Hafen verlassen.
„HALT!“
Ich warf mich auf die erste Leine.
Die Leine sagte nichts.
Sie riss.
Die zweite Leine hielt noch.
Kurz.
Dann verabschiedete auch sie sich von ihrem bisherigen Arbeitsplatz.
Am Kai stand inzwischen ein Urlauber mit Brötchentüte und beobachtete das Ganze.
„Haben Sie alles im Griff?“, rief er.
Ich antwortete:
„Selbstverständlich! Das gehört zur täglichen Sicherheitsübung!“
Ein Kapitän muss schließlich Ruhe ausstrahlen.
Vor allem dann, wenn er keine Ahnung hat, was passiert.
Die Klappmöwe drehte sich inzwischen im Hafenbecken wie ein stolzer Schwan, der gerade entdeckt hatte, dass ihm die gesamte Nordsee gehört.
Ich zog am Ruder.
Nichts.
Ich nahm Gas weg.
Mehr Gas.
Ich trat gegen eine Kiste.
Die Kiste fiel um.
Das half ebenfalls nicht.
Dann hörte ich hinter mir ein Geräusch.
„KRRRRT.“
Ich drehte mich um.
Auf meinem Kapitänsstuhl saß eine Möwe.
Nicht irgendeine Möwe.
Eine besonders freche.
Sie schaute mich an.
Dann auf das Ruder.
Dann wieder mich.
Und ich schwöre euch, Leichtmatrosen, dieses Tier hatte einen Gesichtsausdruck, der nur eines bedeuten konnte:
Zur Seite, Anfänger.
„Du willst wohl Kapitän werden?“
Die Möwe legte den Kopf schief.
Genau in diesem Moment drehte sich die Klappmöwe sauber Richtung Hafenausfahrt.
Ich wurde misstrauisch.
Sehr misstrauisch.
„Das warst du.“
Die Möwe machte:
„KRAAA.“
Was in der internationalen Seemannssprache ungefähr bedeutet:
„Beweis es.“
Wir näherten uns der Hafenausfahrt.
Draußen lag die Nordsee.
Weit.
Grau.
Und ich hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, dass meine Klappmöwe eine längere Reise plante.
Vielleicht Helgoland.
Vielleicht England.
Bei dem Zustand meines Proviantkastens hoffentlich nicht weiter.
Ich kroch zum Motor, öffnete die Klappe und entdeckte schließlich das Problem.
Ein alter Taurest hatte sich so unglücklich verklemmt, dass der Gaszug festhing.
Mit einem kräftigen Ruck bekam ich ihn frei.
Der Motor fiel zurück.
Die Klappmöwe wurde langsamer.
Das Ruder gehorchte wieder.
Ich atmete auf.
Die Möwe auf meinem Stuhl nicht.
Sie sah enttäuscht aus.
Ich brachte die Klappmöwe zurück an ihren Liegeplatz, befestigte drei neue Leinen und stellte meinen inzwischen kalten Kaffee auf die Reling.
Der Urlauber mit der Brötchentüte stand immer noch da.
„Sicherheitsübung beendet?“, fragte er.
„Mit Auszeichnung bestanden“, sagte ich.
Er nickte ehrfürchtig.
So entstehen Legenden.
Später erzählte man im Hafen, die Klappmöwe sei an diesem Morgen allein ausgelaufen.
Andere behaupteten, eine Möwe habe das Kommando übernommen.
Und wieder andere sagen, ich hätte einfach vergessen, die Leinen richtig festzumachen.
Letzteres halte ich persönlich für vollkommen ausgeschlossen.
Seit diesem Tag bekommt meine Klappmöwe morgens übrigens zuerst eine klare Ansage:
„Ich bin der Kapitän.“
Und meistens akzeptiert sie das.
Die Möwe dagegen sehe ich noch regelmäßig.
Sie sitzt dann auf einem Poller, schaut mich an und wartet.
Wahrscheinlich auf ihre nächste Chance.
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Die Tankstelle ohne Benzin
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Logbuch Eintrag 0472
Es gibt Dinge, die ein Seemann versteht.
Wind zum Beispiel. Strömung. Ebbe und Flut. Und dass man einem Fischbrötchen niemals den Rücken zudrehen sollte, wenn Möwen in der Nähe sind.
Aber dann gibt es Erfindungen, bei denen selbst ein Mann meiner Erfahrung kurz an seiner Seekarte zweifelt.
So erging es mir neulich in Tossens.
Ich war mit der Klappmöwe unterwegs gewesen und hatte anschließend beschlossen, noch einen kleinen Landgang zu unternehmen. Ein Kapitän muss schließlich wissen, was an Land geschieht. Man kann ja nicht ständig nur auf die Nordsee schauen und erwarten, dass sich die Welt von allein erklärt.
Da entdeckte ich sie.
Eine Tankstelle.
Zumindest hielt ich sie dafür.
Ein paar Säulen standen dort, Fahrzeuge parkten daneben, Menschen hantierten mit Kabeln und alles sah auf den ersten Blick völlig normal aus.
Bis ich bemerkte:
Es roch überhaupt nicht nach Benzin.
Ich blieb stehen.
Das machte mich misstrauisch.
Eine Tankstelle ohne Benzingeruch ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Fischkutter ohne Möwen.
Also ging ich näher.
Ein Mann stand neben seinem Auto und hatte ein Kabel hineingesteckt.
Ich beobachtete ihn eine Weile.
Dann fragte ich:
„Moin. Ist das Ding kaputt?“
Er sah mich an.
„Nein. Das lädt.“
„Was lädt?“
„Das Auto.“
Ich schaute auf das Auto.
Dann auf das Kabel.
Dann wieder auf den Mann.
„Sie wollen mir erzählen, dass Sie Ihr Auto an eine Steckdose hängen?“
„Ja.“
Ich musste mich kurz sammeln.
Zu meiner Zeit hing man höchstens eine Lampe an eine Steckdose. Vielleicht noch einen Toaster, wenn man besonders wagemutig war.
Aber kein Auto.
„Und wo kommt das Benzin rein?“
„Gar nicht.“
Jetzt wurde es ernst.
Ich ging einmal um das Fahrzeug herum.
Kein Auspuff, der mir besonders verdächtig vorkam. Kein Tankdeckel, wie ich ihn erwartet hatte.
„Und womit fährt das?“
„Mit Strom.“
Ich sah zum Himmel.
Die Sonne schien.
Da begann ich zu verstehen.
„Also mit Sonne?“
Der Mann lachte.
„Wenn der Strom aus Solarenergie kommt, teilweise schon.“
Aha.
Jetzt ergab alles einen Sinn.
Ich erklärte ihm sofort, dass wir Seefahrer dieses Prinzip selbstverständlich schon seit Jahrhunderten kennen.
„Wir nennen das Wind.“
Er sah mich etwas irritiert an.
Ich erläuterte ihm, dass auch Wind nichts anderes sei als kostenlose Energie, die irgendwo vom Himmel herunterkommt und anschließend Schiffe durch die Gegend schiebt.
Darauf wusste er zunächst keine Antwort.
Was mich nicht überraschte.
Ich setzte mich auf eine Bank und beobachtete diese moderne Tankstelle noch eine Weile.
Keiner schüttete etwas hinein.
Nichts tropfte.
Niemand roch nach Diesel.
Die Autos standen einfach herum und saugten Strom aus Kabeln.
Da bekam ich eine Idee.
Eine große Idee.
Eine Idee, wie sie nur Männer haben, die schon häufiger knapp an einer vollkommen vernünftigen Entscheidung vorbeigesegelt sind.
Die Klappmöwe braucht Solarenergie.
Ich stellte mir sofort das Dach voller Sonnenplatten vor.
Morgens würde ich die Sonne einschalten.
Mittags wäre der Akku voll.
Und abends könnte ich kostenlos bis Helgoland fahren.
Bei besonders gutem Wetter vielleicht sogar bis England.
Ich ging zurück zum Hafen und erzählte der Klappmöwe davon.
Sie schwieg.
Das tut sie häufig, wenn sie anderer Meinung ist.
Am nächsten Morgen legte ich probeweise eine kleine Solarleuchte aus dem Garten auf das Deck.
Vier Stunden später leuchtete sie.
Die Klappmöwe bewegte sich keinen Zentimeter.
Der Versuch war also noch nicht vollständig ausgereift.
Aber große Erfindungen brauchen Zeit.
Heute weiß ich jedenfalls:
Es gibt tatsächlich Tankstellen ohne Benzin.
Autos trinken Strom.
Die Sonne kann beim Fahren helfen.
Und irgendwo in Butjadingen arbeitet vermutlich gerade ein Mann daran, herauszufinden, wie man eine Klappmöwe mit Sonnenlicht bis Helgoland bekommt.
Ich darf aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen, wer dieser Mann ist.
Aber seine Kapitänsmütze steht ihm ausgezeichnet.
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Backfisch, Brise und große Wahrheiten
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Logbuch Eintrag 0473
Es gibt an der Nordseeküste drei Dinge, über die man nicht diskutiert.
Die Tide kommt, wann sie will.
Der Wind weht grundsätzlich aus der falschen Richtung.
Und ein ordentliches Backfischbrötchen gehört gegessen, bevor eine Möwe davon erfährt.
Letzteres musste ich neulich wieder auf besonders eindrucksvolle Weise feststellen.
Ich war in Fedderwardersiel unterwegs. Die Klappmöwe lag friedlich im Hafen und tat so, als hätte sie mit den Ereignissen der vergangenen Tage überhaupt nichts zu tun.
Ich hatte Hunger.
Nicht diesen kleinen Hunger, bei dem ein vernünftiger Mensch einen Apfel isst.
Nein.
Kapitänshunger.
Das ist die Sorte Hunger, bei der man bereit wäre, einen ganzen Fischkutter leer zu essen und anschließend noch zu fragen, ob es irgendwo Nachtisch gibt.
Also ging ich zum Hafen.
Schon von Weitem roch ich ihn.
Backfisch.
Warm.
Knusprig.
Mit Remoulade.
Ich folgte dem Duft wie andere Menschen einem Leuchtturm.
Wenig später hielt ich das schönste Backfischbrötchen in den Händen, das jemals zwischen zwei Brötchenhälften gelegen hatte.
Ich setzte mich auf eine Bank mit Blick auf den Hafen.
Die Sonne kam gerade zwischen den Wolken hervor.
Eine leichte Brise zog vom Wasser herüber.
Die Kutter lagen ruhig am Kai.
Und für einen kurzen Moment war die Welt vollkommen in Ordnung.
Dann hörte ich ein Geräusch.
„KRAAA.“
Ich erstarrte.
Langsam blickte ich nach oben.
Eine Möwe saß auf einer Laterne.
Sie sah mich an.
Dann sah sie mein Brötchen an.
Dann wieder mich.
Ich kannte diesen Blick.
„Vergiss es“, sagte ich.
Die Möwe rührte sich nicht.
„Das ist meins.“
Sie legte den Kopf schief.
Ich nahm einen Bissen.
Die Möwe rückte auf der Laterne ein Stück nach vorne.
„Wir können das jetzt vernünftig klären“, sagte ich. „Du suchst dir einen Fisch, und ich esse mein Brötchen.“
In diesem Moment landete eine zweite Möwe auf dem Dach gegenüber.
Dann eine dritte.
Dann eine vierte.
Ich sah mich um.
Das war kein Zufall mehr.
Das war eine organisierte Operation.
Innerhalb weniger Sekunden saß eine komplette Möwenstaffel um mich herum.
Auf Laternen.
Auf Dächern.
Auf Pollern.
Eine besonders große Möwe stand sogar auf einem Mülleimer und sah aus, als würde sie das Kommando führen.
Ich hielt mein Backfischbrötchen dichter an die Brust.
„Leichtmatrosen“, sagte ich, „wir befinden uns offenbar in Verhandlungen.“
Die Möwen antworteten gleichzeitig.
Was ungefähr so klang, als hätte jemand zwölf rostige Scharniere in einen Blecheimer geworfen.
Ich beschloss, ruhig zu bleiben.
Ein erfahrener Kapitän zeigt keine Angst.
Auch nicht vor Möwen.
Vor allem nicht, wenn Touristen zugucken.
Ein kleiner Junge stand mit seinem Vater ein paar Meter entfernt und beobachtete mich.
„Papa“, sagte er, „der Mann redet mit den Möwen.“
Sein Vater antwortete:
„Guck da nicht hin.“
Eine vollkommen verständliche Reaktion.
Ich nahm den nächsten Bissen.
Fehler.
Die große Möwe vom Mülleimer startete.
Ich duckte mich.
Sie flog knapp über meinen Kopf hinweg.
Eine zweite kam von links.
Eine dritte von rechts.
Das war jetzt eindeutig ein Angriff.
Ich sprang auf.
Mein Backfischbrötchen fest in der Hand.
„Rückzug!“
Ich lief Richtung Hafen.
Hinter mir flatterte es.
Vor mir standen zwei Urlauber, die nicht wussten, warum ein erwachsener Mann mit Kapitänsmütze und Backfischbrötchen durch Fedderwardersiel rannte.
Ich rief:
„Möwenmanöver! Platz machen!“
Sie machten Platz.
Sehr schnell sogar.
Am Ende des Kais blieb ich stehen.
Die Möwen kreisten über mir.
Ich sah auf mein Brötchen.
Noch drei Bissen.
Jetzt ging es um alles.
Ich drehte mich mit dem Rücken zum Wind und schob den Rest in Rekordgeschwindigkeit in den Mund.
Die große Möwe landete vor mir.
Zu spät.
Ich kaute.
Sie sah mich an.
Ich sah sie an.
Wir wussten beide, wer gewonnen hatte.
Ich hob langsam den Daumen.
Die Möwe drehte sich um und flog davon.
Die anderen folgten.
Der Hafen wurde wieder ruhig.
Der kleine Junge kam zu mir.
„Hast du gewonnen?“
Ich nickte.
„Knapp.“
„Warum wollten die dein Brötchen?“
Ich setzte meine Kapitänsmütze gerade.
„Weil Möwen wissen, was gut ist.“
Der Junge dachte darüber nach.
Dann fragte er:
„Und was hast du daraus gelernt?“
Eine gute Frage.
Ich schaute hinaus auf den Hafen.
Auf die Kutter.
Auf die Nordsee.
Auf die Möwen, die bereits nach ihrem nächsten Opfer suchten.
Und dann erklärte ich ihm eine der wichtigsten Wahrheiten des Lebens:
„Junge, wenn du an der Nordsee ein Backfischbrötchen hast, dann iss es. Denk nicht lange darüber nach. Mach kein Foto. Schreib keine Nachricht. Und leg es niemals neben dich.“
Er nickte ernst.
Manche Lektionen lernt man fürs Leben.
Seit diesem Tag esse ich Backfisch übrigens nur noch unter Deck auf der Klappmöwe.