Wenn der Regen die Luft wieder leicht macht

In der Nacht hat es geregnet. Nicht dramatisch, nicht mit großem Getöse, sondern genau so, wie die Landschaft es manchmal braucht. Am Morgen wirkt Butjadingen wie frisch durchgespült. Die Luft ist kühler, das Gras trägt noch Tropfen und plötzlich fühlt sich selbst ein ganz gewöhnlicher Freitag ein wenig nach Aufbruch an.

Tilly und Pike stehen natürlich längst bereit. Für die beiden spielt es keine Rolle, ob die Wege trocken sind oder ob das Gras noch nass ist. Hauptsache raus. Hauptsache schnüffeln, schauen und an jeder passenden Stelle kurz mitteilen, dass man schließlich auch noch da ist.

Bevor es losgeht, werden erst die anderen Bewohner unseres alten Resthofs versorgt. Die Hühner scharren schon ungeduldig, die Laufenten haben ihre ganz eigene Vorstellung davon, wann Frühstückszeit ist, und auch unser Teichhuhn meldet sich zuverlässig zu Wort. Es sind diese kleinen Abläufe am Morgen, die kaum jemand sieht und die doch irgendwie dazugehören.

Dann geht es hinaus.

Nach dem Regen riecht die Welt anders. Erde, Gras, ein wenig Salz in der Luft und irgendwo dieser typische Geruch der Nordseeküste, den man kaum beschreiben kann. Wer hier lebt, nimmt ihn irgendwann gar nicht mehr bewusst wahr. Und trotzdem merkt man sofort, wenn er einmal fehlt.

Über den Wiesen hängt noch ein wenig Dunst. Auf den schmalen Straßen ist kaum jemand unterwegs. Hinter dem Deich liegt das Meer, auch wenn man es nicht immer sehen kann. Man weiß einfach, dass es da ist.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich diese Gegend so mag. Hier muss nicht ständig etwas passieren. Manchmal reicht ein Weg am Deich, ein Blick über die Salzwiesen oder ein paar Minuten, in denen nur der Wind zu hören ist.

Und manchmal braucht auch der Kopf so einen Regen.

Nicht den, der alles durcheinanderbringt, sondern den, der Staub wegspült. Gedanken sortiert. Dinge wieder ein wenig klarer macht.

Wenn wir nach unserer Runde zurück auf den Hof kommen, sind Tilly und Pike zufrieden, die Schuhe ein wenig feucht und der Kopf deutlich freier. Dann gibt es Frühstück für die beiden und für mich einen frischen Milchkaffee.

Ich sitze einen Moment am Fenster und schaue hinaus.

Das Wochenende wartet schon irgendwo hinter dem Deich. Vielleicht mit einem Spaziergang am Meer. Vielleicht mit einem Kaffee im Garten. Vielleicht auch einfach mit ein paar ruhigen Stunden zwischen Tieren, Geschichten und dem ganz normalen Leben.

Manchmal braucht es gar nicht mehr.

Nur ein bisschen Regen in der Nacht.

Und einen Morgen, an dem die Luft wieder leicht geworden ist.